AGNU Haan e.V. - Der Kiebitz 1/99


Steinbruch "Grube 7" und der ehemalige Kalk-Schlammteich

Dr. Siegfried Woike / Dr. Martin Woike


Außerhalb des Naturschutzgebietes Neandertal liegen am Rande des Düsseltales unmittelbar nordöstlich von Gruiten bei "Düsselersprung" der aufgelassene Steinbruch "Grube 7" und nördlich angrenzend der ehemalige Schlammteich. In "Grube 7" wurde bis 1966 der dolomitisierte Massenkalk abgebaut und bei Fuhr nicht weit vom Bahnhof Gruiten in einer Sinterofenanlage gebrannt.

Mit hohem Kostenaufwand hat die Stadt Haan als Eigentümerin riskante Felsabschnitte gesichert und Wege um und durch den Steinbruch so angelegt, daß man gefahrlos das Gebiet von "Grube 7" mit seinen steilen Felswänden durchwandern kann. Die Steinbruchsohle ist aber für die Allgemeinheit gesperrt, da sich hier immer wieder Unfälle ereignet haben. Der ehemalige Schlammteich ist dagegen nicht erschlossen.

Pflanzen

In den gut 30 Jahren seit Stillegung der "Grube 7" haben sich viele Bereiche des Steinbruchs spontan wiederbegrünt. In einigen Teilen wurden die Steinbrucharbeiten jedoch schon früher eingestellt. Deshalb begann die Sukzession z. B. in den südlichen Randbereichen der "Grube 7" schon vor 1966. Gegenwärtig prägen Birkengebüsche und Hochstaudenfluren die Vegetation des Steinbruchs.

Sehr blumenreich sind die nur mit einer dünnen Oberbodenschicht bedeckten Kalksteinbermen. Hier sind auf 10 - 20 qm Fläche manchmal 30 - 40 Blütenpflanzenarten gezählt worden. Zwischen Gräsern (Festuca ovina, Poa annua, Dactylis glomerata, Holcus lanatus u. a.) wachsen u. a. auf diesen besonnten Flächen folgende Blütenpflanzen:

* Golddistel (Carlina vulgaris)

* Dürrwurz-Alant {Inula conyza)

* Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea)

* Gemeines Ferkelkraut (Hypochoeris radicata)

* Florentiner Habichtskraut (Hieracium piloselloides)

* Kleines Habichtskraut (Hieracium pilosella)

* Margerite (Chrysanthemum leucanthemum) - besonders zahlreich, aber kleinwüchsig

* Scharfes Berufkraut (Erigeron acris)

* Rapunzel-Glockenblume (Campanula rapunculus)

* Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus)

* Hopfenklee {Medicago lupulina)

* Mittlerer Klee (Trifolium medium)

* Wald-Ehrenpreis (Veronica officinalis)

* Steifer Augentrost (Euphrasia stricta)

* Gemeiner Dost (Origanum vulgare)

* Echtes Johanniskraut (Hypericum perforatum)

* Färber-Resede (Reseda luteola)

* Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias)

* Echtes Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea)

* Kleiner Odermennig (Agrimonia eupatoria)

* Purgier-Lein (Linum catharticum)

* Gewöhnliches Sonnenröschen (Helianthemum nummularium agg.)

* Arznei-Thymian (Thymus pulegioides).

Um 1978 fand B. JACOB noch folgende bemerkenswerte Arten: Gemeines Kreuzblümchen (Polygala vulgaris RL 3) und Steinquendel (Acinos arvensis, RL 3); siehe JACOB 1979.

In den letzten Jahren tauchten wieder einige seltene Pflanzenarten offener Standorte im Bereich der Grube 7 auf:

* Rauhhaarige Gänsekresse (Arabis hirsuta)

ausdauernder Lein (Linum perenne)

* Rispen-Flockenblume (Centaurea stoechas)

* Aufrechtes Fingerkraut (Potentilla recta).

Bei der Auflistung handelt es sich überwiegend um Arten, die magere, stickstoffarme Standorte bevorzugen. Eine solche artenreiche "Dürrwurz-Krautflur" tritt in allen aufgelassenen Steinbrdchen um Mettmann nach der Stillegung für einige Jahre auf.

Im Herbst hat die "Golddistel-Dürrwurz-Flur" eine interessante Pilzflora. Folgende Schlauchpilze (Ascomyceten), die typisch für nur schütter bewachsene Flächen sind, wurden in den letzten Jahren - zum Teil schon unter dem Schirm emporwachsender Birken und Weiden - festgestellt:

* Pulvinula constellatio (Rötlicher Kissenbecherling)

* Helvella lacunosa (Gruben-Lorchel)

* Helvella corium (Schwarzer Stielbecherling, RL 2)

* Sepultaria arenicola (Sandborstling, RL 2)

* Geoglossum cookeianum (Erdzungenpilz, RL 2)

* Geoglossum umbratile (Erdzungenpilz, RL 1)

* Trichoglossum hirsutum (Haarzunge, RL 2)

* Helvella atra (Schwarze Lorchel, RL 3)

* Helvella crispa (Herbstlorchel).

Als besonderer Nichtblätterpilz sei die Gelbe Wiesenkoralle (Clavulinopsis corniculata, RL 2) noch erwähnt.

Hier leben auch zahlreiche winzige Schmarotzerpilze auf ihren Trägerpflanzen. Drei Beispiele für derartige "Einnischung":

* auf Purgier-Lein (Linum catharticum) sehr häufig der auf diese Pflanze spezialisierte Rostpilz Melampsora lini;

* auf Ruprechtskraut (Geranium robertianum) meist scharenweise der winzige, punktförmige Kernpilz (Pyrenomycet) Stigmatea robertiana; Fruchtkörper nur 1/10 mm (!);

* auf Kleearten der etwa 0,5 mm messende olivbräunliche Scheibenpilz (Discomycet) "Kleeblatt-Scheinbecherchen" (Pseudopeziza trifolii).

Durch die aufkommenden Pioniergehölze verbuschen diese Trockenrasen-Fragmente bald und verlieren damit ihren Artenreichtum.

An den Steilhängen fassen vor allem Sandbirken Fuß; die teilweise von (abgeschwemmtem) Lehm dünn bedeckten Hangflächen sind durch Heckenrose, Weißdorn, Gemeinen Schneeball und Blutroten Hartriegel verbuscht. An den Gebüschrändern ranken an einigen Stellen Knollen-Platterbse und Wilde Platterbse (Lathyrus tuberosus, L. sylvestris) empor. Die Lianen der Waldrebe überziehen die aufkommenden Bäume bis in die Kronen mit seilartigem Geäst.

In dem landwirtschaftlich intensiv genutzten Raum Mettmann sind solche nährstoffarmen Flächen kaum noch vorhanden. Die Steinbrüche sind also wichtige "Sekundär-Refugien". Zur Erhaltung der Artenvielfalt ist es unumgänglich, die aufkommenden Gehölze in Teilbereichen wieder zu beseitigen. Derartige Pflegemaßnahmen werden z.B. an den Böschungen der ehemaligen Werkstraße von Parkplatz "Grube 7" (westlich "Habbach") durchgeführt. Hier hat nämlich ein dichter Gebüschmantel aus Sal-Weide und Sand-Birke die einst freien Flächen fast völlig erobert. Besonders wichtig ist es, die Gehölze an den Südhängen zurückzudrängen, auf denen u. a, die Rauhe Nelke (Dianthus armeria, RL 3) wächst.

Daß in verlassenen Steinbrüchen geradezu spektakuläre floristische Funde möglich sind, beweist die Entdeckung des Lanzen-Schildfarnes (Polystichum lonchitis) 1985 in einer absonnigen verbuschten Felswand (JÄGER, mdl.). "Grube 7" ist der einzige Wuchsort dieses arktisch-alpinen Farnes im nördlichen Rheinland. Leider konnte sich dieser Farnstock nur bis etwa 1992 halten. Um so erfreulicher ist die Meldung, daß P. KEIL und TH. KORDGES zwei neue Wuchsstellen in Grube 7 mit kräftigen Pflanzen 1997 bzw. 1998 entdeckt haben! - Auch überraschte 1998 der Fund der bei uns äußerst seltenen Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera, RL 2). KEIL & KORDGES konnten gut 25 blühende Exemplare dieser schönen Orchidee zählen. Ebenso begeisterte der jüngste Nachweis des Ruprechtsfarns (Gymnocarpium robertianum, RL 3), den uns freundlicherweise ebenfalls Dr. KEIL zeigte. Erfreulich ist auch die Beobachtung, daß die Bestände des geschützten Hirschzungen-Farns (Phyllitis scolopendrium, RL 3) an feucht-schattigen Stellen rund um den ehemaligen Steinbruch zugenommen haben.

Tiere

Der "Canyon", wie der aufgelassene Steinbruch auch genannt wird, hat sich seit seiner Stillegung zu einem Rückzugsgebiet für z. T. seltene Tierarten entwickelt. In den Kleingewässern, die der Zweckverband und die Stadt Haan angelegt haben, laichen massenhaft Kreuzkröten (Bufo calamita, RL 3) sowie in geringerer Zahl auch Teich-, Bergmolch und Geburtshelferkröte.

Die Waldeidechse (Lacerta vivipara) ist im gesamten Steinbruchbereich verbreitet. Die Ringelnatter (Natrix natrix, RL 3) wurde dagegen seit 1975 nicht mehr nachgewiesen.

Die ehemaligen Sprengmittelkammern am Fuße einer steilen Felswand sind als überwinterungsquartier für Fledermäuse gesichert. Ob diese Stollen von Fledermäusen angenommen werden, läßt sich nur schwer ermitteln, da sie bis auf einen Einflugspalt aus Sicherheitsgründen zugemauert sind.

In dem auf der untersten Grubensohle liegenden tiefen See kamen bis zum totalen Trockenfallen u.a. vor: Gründling, Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) und die Dreikantmuschel (Dreissena polymorpha). Nachdem der Wasserstand in "Grube 7" 1986 um mehrere Meter abgesunken ist, entstand auf der großen Sohle eine fast vegetationsfreie Fläche, Hier hat der Flußregenpfeifer (Charadrius dubius, RL 3) 1986 einen Brutversuch unternommen, aufgrund der dort illegal lagernden Menschen wurde das Gelege jedoch verlassen. 1987 brütete der Regenpfeifer dann erfolgreich.

In den schroffen Felswänden brüten je ein Paar des Turmfalken (Falco tinnunculus) und des Hausrotschwanzes (Phoenicurus ochruros).

In den Büschen und Hochstaudenfluren um den Steinbruch nisten jeweils fünf bis zehn Paare Mönchsgrasmücke, Fitis, Sumpfrohrsänger und Goldammer. In einzelnen Paaren kommen Heckenbraunelle, Gartengrasmücke, Hänfling, Zilpzalp und Turteltaube vor.

Auf den artenreichen Kräuterfluren herrscht an schönen Sommertagen reiches Insektenleben. Neben zahlreichen blütenbesuchenden Käfern wie Scheinbock (Oedemera virescens) oder Fallkäfer (Cryptocephalus sericeus) wurden 1986 folgende Schmetterlinge dort notiert:

* Kleiner Fuchs (Aglais urticae)

* Großer Kohlweißling (Pieris brassicae)

* Rapsweiß1ing (Pieris napi)

* Tagpfauenauge (Inachis io)

* Landkärtchen (Araschnia levana)

* Mauerfuchs (Dira megera)

* Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni)

* Gemeiner Bläuling (Polyommatus icarus)

* Ochsenauge (Maniola jurtina)

* Schornsteinfeger (Aphantopus hyperanthus)

* Admiral (Vanessa atalanta)

* Kleiner Heufalter (Coenonympha pamphilus)

* C-Falter (Polygonia c-album, RL 3)

* Brauner Dickkopf (Adopaea silvester)

* Gamma-Eule (Autographa gamma).

Auf der neu angelegten Streuobstwiese vor dem eingezäunten Grubenbereich entwickelte sich vor wenigen Jahren eine beachtliche Population des Klee-Widderchens (Zygaena trifolii = Huebneriana tr.; RL 3). Die leuchtendroten Flecken auf den schwarzblauen Vorderflügeln trugen dem Schmetterling auch den Namen "Blutströpfchen" ein.

Im August 1991 überraschte uns hier auch die aus dem Mittelmeergebiet stammende prächtige Zebra-Spinne (Argiope bruennichi) in ihren Radnetzen. Wegen ihres schwarz-gelb gebänderten Hinterleibs heißt sie auch "Wespen-Spinne". Als wir damals zwei Monate später auf dieser Wiese nach ihren bräunlichen, tischtennisballgroßen Eikokons Ausschau hielten, kamen wir aus dem Staunen nicht heraus: mindestens 60 Stück der ballonförmigen Eikokonkapseln (etwa 3 cm Durchmesser) zählten wir zwischen den Gräsern. Dabei muß man wissen, daß ein Spinnenweibchen 1 - 3 Kokons anfertigen kann und mit je 300 - 400 Eiern beschickt! - Auf diesen Neueinwanderer sollte auch bei uns stärker geachtet werden, ist doch diese sich nach Norden ausdehnende wärmeliebende Spinnenart eine schöne Bereicherung unserer meist verarmenden Fauna.

Der ehemalige Kalk-Schlammteich von Grube 7

Mit Stillegung des Grubenbetriebs in "Bruch 7" war natürlich auch die Funktion des Schlammteichs beendet. Das Auffangbecken glich wegen der weißlichen Kalkspülwässer damals einer riesigen Milchschüssel. Erstaunlich rasch wurden die einst hellen Schlammflächen von Pflanzen besiedelt. Im Mai 1969 - drei Jahre nach der Stillegung - war der austrocknende Schlammboden weitgehend von Huflattich und jungen Weidenschößlingen dicht bedeckt. Fast 20 Jahre später - 1986 - herrschten Jungbirken und Weiden vor, stellenweise waren auch Schwarz-Erlen aufgekommen. Die gebietsfremde Grau-Erle (Alnus incana) wurde im Rahmen der Rekultivierung in den Randsäumen angepflanzt. Inzwischen haben sich einige bemerkenswerte Pflanzenarten in dem Schlammteich angesiedelt. Das Rundblättrige Wintergrün (Pyrola rotundifolia, RL 2) hat prachtvoll blühende Bestände gebildet. Außer den Orchideen-Arten Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) und Großes Zweiblatt (Listera ovata) hat sich eine Population von etwa 130 Pflanzen des seltenen Fuchs Knabenkrauts (Dactylorhiza fuchsii) angesiedelt.

Erfreulich ist auch die Vermehrung von Pflanzen, die im Kreis Mettmann stark zurückgegangen sind:

* Echtes Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea)

* Später Roter Zahntrost (Odontites vulgaris)

* Steifer Augentrost (Euphrasia stricta)

* Golddistel (Carlina vulgaris)

* Purgier-Lein (Linum catharticum)

* Tollkirsche (Atropa belladonna).

In einer feuchten Senke wachsen mehr als 100 Pflanzen vom Acker-Kleinling (Centunculus minimus, RL 2), zusammen mit Zierlichem Tausendgüldenkraut (Centaurium pulchellum, RL 3).

Seit Herbst 1986 wird der Birkenbusch an den Wuchsorten von Tollkirsche, Acker-Kleinling und Fuchs Knabenkraut regelmäßig gelichtet. Diese Pflegemaßnahme wurde ebenfalls auf den oberen Randbereich des ehemaligen Klärbeckens ausgedehnt, um die rasche Bebuschung einer gut entwickelten "Golddistel-Dürrwurz-Flur" zu verhindern. Auch überraschte dieser Biotop seit einigen Jahren in jedem Herbst mit Erdzungen- (Geoglossum) und Saftlings(Hygrocybe)-Arten. Derartige Pflegearbeiten sind in bestimmten Abständen zu wiederholen. Künftig sollen noch weitere Bereiche des ehemaligen Schlammteichs entbuscht bzw. gerodet werden, um die erneute Verbuschung durch Stockausschlag zu verhindern.

In dem noch wenig von krautigen Pflanzen besiedelten südlichen Teil des Beckens haben im offenen Boden besonders an der Südseite von Erdwällen verschiedene solitäre Bienen und Wespen ihre Bauten gegraben. Die Weibchen der Furchenbienen (Halictus spec.) haben in den kalkigen Spülsand zahllose Brutgänge gebohrt. In den abzweigenden Brutzellen werden die Eier an das "Bienenbrot" (Blütenstaub/Nektar-Gemisch) gelegt. Aber auch ihre "Kuckucksbienen", Schmarotzerbienen der Gattungen Nomada und Sphecodes, leben hier; sie "schmuggeln" sich in ein Halictus-Nest und legen ihre Eier an die Pollenvorräte. Auch endogäisch nistende Grabwespen kommen vor, z. B. die Knotenwespe (Cerceris spec.), die Fliegenspießwespe (Oxybelus spec.), die Wegwespe (Priocnemis spec.) und die Glattwespe (Mellinus spec.). Diese ebenfalls solitär lebenden Wespen sind spezialisierte Insekten- oder Spinnenjäger. Die Larvennahrung besteht aus Fliegen bei Glattwespen und Fliegenspießwespen, Rüsselkäfern bei Knotenwespen und Spinnen bei Wegwespen. Auf sandigen Pfaden leben die Sandlaufkäfer (Cicindela campestris und C. hybrida). In den strohhalmdicken Löchern im Boden lauern die Larven auf Beute. Die Lebensräume dieser Insekten - offene Bodenstellen - lassen sich auf Dauer nur durch geeignete Pflegemaßnahmen wie Entbuschen und teilweises Beseitigen zu dichter Vegetation erhalten.

In den mit Weiden, Pappeln und Birken bewachsenen Bereichen des früheren Schlammteiches ist eine interessante epiphytische Moosflora zu finden. An Korbweiden wurde 1986 das sehr seltene Goldhaarmoos (Orthotrichum lyellii, RL 2) entdeckt, damals das dritte aktuelle Vorkommen in Nordrhein. Weitere gefährdete, epiphytisch lebende Moose sind Orthotrichum affine {RL 2), Ulota crispa var. norvegica {RL 2), Frullania dilatata (RL 2) und Ptilidium pulcherrimum (RL 3). Diese Moose sind gegenüber Luftschadstoffen recht empfindlich.

Weitere in NRW gefährdete "Rote Liste"-Moose haben besonders Erdboden und Bäume in den letzten Jahren besiedelt; so ist der ehemalige Klärteich auch zu einer wahren Moosfundgrube geworden und daher unbedingt schützenswert:

Lebermoose

Aneura pinguis RL 3, am Boden

Preissia quadrata RL 3, am Boden

Metzgeria furcata RL 3, an Bäumen

Radula complanata RL 3, an Bäumen

Laubmoose

Aloina ambigua RL 3, am Boden

Dicranum polysetum RL 3, am Boden

Rhytidiadelphus triquetrus RL 3, am Boden

Rhytidiadelphus loreus RL 3, über morschem Holz

Thudium tamariscinum: RL , am Boden

Tortella inclinata RL 3, am Boden

Leucodon sciuroides RL 3, an Bäumen

Dies ist für eine Ballungsrandzone eine bemerkenswerte Konzentrierung seltener Moosgewächse!

Bemerkenswert ist auch der Fund einiger kurzfädiger Bartflechten (Usnea filipendula; det. E. HEIBEL/Essen) im Herbst 1986: RL Bundesrepublik 3. Denn gerade Bartflechten sind empfindliche Bioindikatoren. Ihr Auftreten zeigt auch, daß in der Mulde relativ häufig hohe Luftfeuchtigkeit herrscht ("Kältesee", Neigung zur örtlichen Nebelbildung). Sonst wurden Bartflechten im Naturschutzgebiet Neandertal - trotz intensiver Suche - nie gefunden. Im ehemaligen Klärteich sind besonders an Salix-Borke auch verschiedene Blattfechten verbreitet, Hypogymnia physodes (häufig), Parmelia sulcata (häufig), Parmelia fuliginosa (vereinzelt) und Physcia-Arten (häufig); die Strauchflechten Pseudevernia furfuracea und Evernia prunastri sind seltener.

Ebenfalls an Weidenästen fällt eine bis handgroße, konsolenförmig wachsende Porlingsart, die Rötende Tramete (Daedaleopsis confragosa), auf.

Auch auf dem Boden haben sich zahlreiche Sporenpflanzen angesiedelt. Der eingespülte Kalksand ist stellenweise von kalkliebenden Moosen wie dem Lebermoos Pellia endiviifolia und dem Laubmoos Encalypta streptocarpa neben vielen anderen Moosen dicht bedeckt. Von den Bodenflechten treten Peltigera-, Cladonia- und Collema-Arten ziemlich häufig auf.

Im Spätsommer erscheint der Boden stellenweise gelbbräunlich durch den sehr dicht wachsenden Bittersüßen Rißpilz (Inocybe dulcamara). Als typischer "Birkenbegleiter" hat sich auch der Birkenpilz (Leccinum scabrum) eingestellt, an dem ein ebenso typischer "Pilzkäfer" vorkommt, der bunt gefärbte Kurzdeckenflügler Oxyporus rufus.

Im Birkengebüsch lebt der kleine, schwarze Birkenblatt-Roller (Deporaus betulae, um 4 mm), dessen Weibchen gleich nach Belaubung charakteristische Schnittfiguren im Blatt anfertigt, die Teile zusammenrollt und den Wickel mit Eiern belegt. Daneben lassen sich hier u. a. die Birken-Stachelwanze (Elasmucha grisea, bis 10 mm) und die kleinere, gelbbraune Wanze Kleidocerys resedae (etwa 6 mm) beobachten; letztere legt ihre Eier in die Fruchtkätzchen der Birke.

(Aus "Rheinische Landschaften", Heft 32 "Das Neandertal" von Dr. Siegfried Woike und Dr. Martin Woike, erschienen in der 1. Auflage 1988, Herausgeber Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, durchgesehen, aktualisiert und ergänzt von Dr. Siegfried Woike für diesen Kiebitz; hierauf beziehen sich auch die Literaturhinweise im Text)

Die Ziffern 1-4 bei der Abkürzung „RL" (Rote Liste Nordrhein-Westfalen, 2. Fassung, 1986) bedeuten:

1 vom Aussterben bedroht

2 stark gefährdet

3 gefährdet

4 potentiell gefährdet

 

 

Stand: 16.3.99


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